KI-gestützte ERP-Software für Abfallwirtschaft und Recycling

Masterergebnisse zur Identifikation, Bewertung und Prototypisierung von KI-Use-Cases in branchenspezifischen ERP-Systemen.

2025-2026 Master Thesis AI & ERP Recycling 16 Use Cases 10 Expert Interviews

Abfall- und Recyclingunternehmen bewältigen heterogene Materialströme, kurzfristige Aufträge und hohe Regulierungsdichte, während ERP-Prozesse wie Auftragserfassung, Disposition, Wareneingang, Routing und Wissenszugriff stark manuell bleiben. Die Arbeit identifizierte 16 KI-Use-Cases, analysierte sechs vertieft, validierte sie mit zehn Experteninterviews und setzte den bestbewerteten Fall als NLP-Prototyp um.

Die Studie auf einen Blick

Forschungsfrage: Welche KI-Use-Cases sind für branchenspezifische ERP-Systeme in Abfallwirtschaft und Recycling praktisch relevant, wie sind sie zu priorisieren, und was kann ein erster Prototyp zeigen?

16

KI-Use-Cases

Identifiziert über zentrale ERP-gestützte Branchenprozesse

6

Deep-Dive-Fälle

Detailliert mit strukturiertem Scoring bewertet

10

Experteninterviews

Validierung mit Praktikern und Domänenexperten

1

Arbeitsprototyp

NLP-Auftragserfassung als bestplatzierte Umsetzung

Zentrale Findings

Datenqualität ist der Engpass

KI-Nutzen wird durch unvollständige, inkonsistente oder siloisierte ERP- und Betriebsdaten begrenzt.

Nicht-technische Barrieren dominieren

Organisation, Prozessfit, Vertrauen und Change Management wiegen schwerer als reine Algorithmuswahl.

Assistenz vor Vollautomatisierung

Experten bevorzugen KI, die Entscheidungen vorbereitet, statt verantwortliche Handlungen zu ersetzen.

Modulare ERP-Integration

Use Cases gelingen als modulare Services mit klaren menschlichen Prüfstellen.

Kein universeller Best Use Case

Das Ranking hängt von Reife, Datenbereitschaft und Regulierungskontext ab.

Fachkräftemangel erhöht Assistenzwert

Wo Spezialwissen knapp ist, kann assistive KI Durchsatz und Wissenszugriff absichern.

Use-Case-Ranking

Priorisierung der sechs Deep-Dive-Use-Cases nach gewichtetem Bewertungsscore.
Rang Use Case Score Einschätzung
1 UC-01 NLP-Auftragserfassung 3.78 Bester Einstieg
2 UC-06 RAG-Compliance-Wissen 3.68 Starke Wissenshebelwirkung
3 UC-03 KI-Dispositionsunterstützung 3.30 Hohe Prozesswirkung
4 UC-02 Visuelle Klassifikation 3.25 Vielversprechend mit Sensorik/Kameras
5 UC-04 IoT-Füllstandsprognose 2.82 Abhängig von Sensorabdeckung
6 UC-05 Dynamisches Routing 2.73 Komplexe Constraints, spätere Phase

Priorisierte Use Cases

UC-01 – NLP-Auftragserfassung 3.78

Strukturierte Aufträge aus E-Mails und Nachrichten extrahieren.

Problem: Aufträge kommen unstrukturiert per E-Mail/Text und werden manuell ins ERP tippt.
Lösung: NLP extrahiert Kunde, Material, Menge, Zeitfenster und Standortvorschläge.
ERP-Fit: Erzeugt Entwurfsaufträge zur Sachbearbeiterbestätigung.
Interview: Schnellster sichtbarer Gewinn bei kontrollierbarem Risiko.
Reife: Prototyp in der Arbeit umgesetzt.
UC-02 – Visuelle Materialklassifikation 3.25

Computer-Vision-Unterstützung zur Materialerkennung.

Problem: Visuelle Prüfung ist erfahrungsintensiv und schwer skalierbar.
Lösung: Kamerabasierte Klassifikationsvorschläge mit Confidence Scores.
ERP-Fit: Anreichern von Wareneingangs-/Qualitätsdatensätzen.
Interview: Wertvoll, wenn Licht- und Kennzeichnungsvarianz beherrschbar sind.
Reife: Konzeptionell stark; hardwareabhängig.
UC-03 – KI-Dispositionsunterstützung 3.30

Planer mit Kapazitäts- und Sequenzvorschlägen unterstützen.

Problem: Disposition reagiert spät auf kurzfristige Änderungen.
Lösung: Prädiktive/präskriptive Hinweise zu Slots, Ressourcen und Prioritäten.
ERP-Fit: Entscheidungshilfe in Planungsboards.
Interview: Hohe Wirkung bei solidem Trust- und Override-UX.
Reife: Benötigt saubere historische Planungsdaten.
UC-04 – IoT-Füllstandsprognose 2.82

Container-/Füllstände prognostizieren und Logistik auslösen.

Problem: Abholungen sind oft kalender- statt bedarfsbasiert.
Lösung: Sensor- und prognosegetriebene Abholtrigger.
ERP-Fit: Serviceaufträge aus prognostizierten Schwellen erzeugen.
Interview: Attraktiv, aber durch Sensor-Rollout-Kosten begrenzt.
Reife: Machbar in Nischen mit vorhandenem IoT.
UC-05 – Dynamisches Routing 2.73

Routen unter Branchenconstraints optimieren.

Problem: Routing ignoriert Live-Constraints und Servicefenster.
Lösung: Constrained Vehicle Routing mit Dispatcher-Override.
ERP-Fit: Touren und Aufträge mit Logistikplanung synchronisieren.
Interview: Später wertvoll, sobald Auftrags- und Geodatenqualität steigt.
Reife: Komplex; kein bestes Erstprojekt.
UC-06 – RAG-Compliance-Wissen 3.68

Retrieval-gestützte Antworten über Policies und SOPs.

Problem: Compliance- und Prozesswissen ist über Dokumente verstreut.
Lösung: RAG-Assistenten auf freigegebenen internen Quellen.
ERP-Fit: Kontextuelle Hilfe neben Transaktionen und Stammdaten.
Interview: Starke Unterstützung bei hoher Audit- und Regulierungslast.
Reife: Hoher Hebel bei klarer Quellen-Governance.

Weitere Use Cases

UC-07 – Predictive Maintenance

Anlagenrisiko aus Nutzungs- und Sensorhistorie prognostizieren.

UC-08 – Nachhaltigkeitsreporting-Assistenz

ESG-/Recycling-KPIs aus Betriebsdaten entwerfen.

UC-09 – Digitaler Produktpass-Support

Nachweisartefakte für Materialien und Lose zusammenführen.

UC-10 – Materialfluss-Anomalieerkennung

Ungewöhnliche Mengen-/Qualitätsmuster früh markieren.

UC-11 – Retouren-/Reverse-Logistics-Assistenz

Klassifikation und Routing von Rückflüssen unterstützen.

UC-12 – Bestandsoptimierungshinweise

Lager- und Pufferanpassungen nach Materialklasse vorschlagen.

UC-13 – Bedarfsprognose

Zu- und Abflüsse für Planungshorizonte prognostizieren.

UC-14 – Preis-/Margenassistenz

Kontext für kommerzielle Entscheidungen unter Constraints liefern.

UC-15 – Anlagenauslastungs-Coaching

Engpässe über Höfe und Verarbeitungsstrecken hervorheben.

UC-16 – Assistierte Qualitätsprüfung

Checklistenführung mit Vision-/NLP-Evidenz kombinieren.

Interview-Findings

Daten oft vorhanden, aber schwer nutzbar

Experten berichten Verfügbarkeit ohne verlässliche AI-Readiness.

Prozessfit schlägt Modellneuheit

Use Cases scheitern, wenn reale ERP-Transaktionspfade ignoriert werden.

Akzeptanz braucht Transparenz

Nutzer übernehmen KI, wenn Vorschläge erklärbar und überschreibbar sind.

Technik ist selten der Hauptblocker

Governance, Ownership und Change-Kapazität dominieren Verzögerungen.

Domänenadaptation ist Pflicht

Generische KI-Tools unterperformen ohne recycling-spezifisches Vokabular und Regeln.

Mit Low-Regret-Einstiegen starten

NLP-Erfassung und Wissensassistenten waren bevorzugte erste Schritte.

Prototyp – NLP-Auftragserfassung

  1. Schritt 1 – Nachricht erfassen

    Kunden-E-Mail-/Textaufträge in die Prototyp-Pipeline einlesen.

  2. Schritt 2 – NLP-Extraktion

    Entitäten wie Kunde, Material, Menge, Datum und Ort identifizieren.

  3. Schritt 3 – Confidence & Validierung

    Felder scoren und unsichere Extraktionen zur Prüfung markieren.

  4. Schritt 4 – ERP-Entwurfs-Mapping

    Extrahierte Felder auf Entwurfsauftragsstrukturen für die Bestätigung mappen.

  5. Schritt 5 – Menschliche Bestätigung

    Mitarbeitende akzeptieren, korrigieren oder lehnen vor jedem operativen Buchen ab.

Umsetzungsempfehlungen

  1. Phase 1 – Datenbereitschaft

    Stammdaten bereinigen, Ownership definieren und kritische Medienbrüche schließen.

  2. Phase 2 – Einstiegs-Use-Case wählen

    Mit UC-01 oder UC-06 starten, wo Risiko kontrollierbar und Nutzen sichtbar ist.

  3. Phase 3 – Human-in-the-Loop-UX

    Review, Override und Audit Trails vor Automatisierungsansprüchen gestalten.

  4. Phase 4 – Modulare Integration

    KI als Services neben ERP-Transaktionen exponieren, nicht als Monolith-Rewrite.

  5. Phase 5 – Pilot mit KPIs

    Bearbeitungszeit, Korrekturrate, Adoption und Ausnahmevolumen messen.

  6. Phase 6 – Governance

    Modell-, Prompt- und Quellen-Governance für Compliance setzen.

  7. Phase 7 – Nach Prozess skalieren

    Disposition, Vision oder IoT erst nach Daten- und Trust-Fundament erweitern.

  8. Phase 8 – Capability Building

    Key User schulen und MLOps-/DevOps-Ownership für den Betrieb etablieren.

Ausblick

Process Mining

Reale ERP-Varianten entdecken, bevor der falsche Pfad automatisiert wird.

Digital Twin von Hof-/Anlagenflüssen

Kapazitäts- und Materialflusseingriffe simulieren.

Agentic-AI-Assistenten

Mehrschritt-Agenten für Vorbereitungsaufgaben unter strengen Freigaben.

Multimodale Modelle

Text, Bild und tabellarische Signale in einem Entscheidungskontext verbinden.

Tabular Foundation Models

Vorhersagen auf ERP-tabellenlastigen Workloads verbessern.

Time-Series Foundation Models

Stärkere Prognosen für Mengen, Füllstände und Nachfrage.

Digitale Produktpässe

Regulatorische Traceability zieht KI in Dokumentationsworkflows.

Limitationen

Nicht statistisch repräsentativ

Zehn Interviews lassen sich nicht auf die gesamte Branche verallgemeinern.

Unternehmensabhängiges Ranking

Scores verschieben sich mit Reife, Systemen und Regulierungsdruck.

Kein Produktions-Feldversuch

Business-Nutzen wurde nicht im Live-Betrieb gemessen.

Begrenzte Prototyp-Kanäle

NLP-Fokus auf nachrichtenartige Erfassung deckt nicht alle Auftragskanäle ab.

Datensensitivitätsgrenzen

Privacy und Geschäftsgeheimnisse begrenzten die Datensatzbreite.

Machbarkeit ≠ Nutzen

Technischer Erfolg impliziert nicht automatisch positiven ROI.

Technologie-Stack

Backend

PHP
Laravel
API-Schicht

Frontend

Livewire
Blade
Interaktive Review-UI

KI / Analytics

NLP
ML
RAG-Konzepte

Infrastruktur

Docker
API-Deployment
Experiment-Tooling

Entwicklungslinie

  1. 2022 – Praxisprojekt

    DevOps-Zyklus und Kundenportal-Fundament.

  2. 2023 – Bachelorarbeit

    ERP-nahe Unternehmenssoftware und digitale Annahme.

  3. 2025/2026 – Masterarbeit

    KI-Use-Case-Portfolio, Expertenvalidierung und NLP-Prototyp.